Kreatives Schreiben

Gedichte und packende Geschichten!


6. Episode der Tagorianischen Sagenwelt – Die Heimreise

Sonntag, 27. Januar 2013 um 22:51 Uhr von gesine

 

Es war der 31. Dezember in Marzahn und eine dünne Schneedecke hatte sich über den Schulhof der Tagore-Schule gelegt. Obwohl draußen Minusgrade herrschten, befand ich mich mit meinen Freunden auf einem Spaziergang. Noch immer wartete ich ungeduldig darauf, dass sie mich aufklären würden, wohin wir gingen.  Sie waren eine Stunde  vor Mitternacht in mein geliehenes Zimmer gekommen und hatten mir ohne Vorwarnung eine Augenbinde angelegt. Zum Glück hatte ich schon zuvor meine Koffer gepackt und zur Astrofly getragen, ansonsten wäre ich sicherlich gegen mindestens einen gelaufen.  „ Wo bringt ihr mich hin?“, fragte ich erneut und dachte inzwischen sogar an die Geschichten in meinen  Kinderbüchern, in denen Außerirdische unschuldige Tagorianer entführten. „Ich muss doch bald losfliegen!“, erklärte ich panisch. „Gaaaaanz ruhig, Luigi“, meint die Redet-Ohne-Punkt-und-Komma-Tasche lässig und hielt mich davon  ab, meine Hände zur Augenbinde zu führen. „Es ist eine Überraschung“, meinte das Eichhörnchen in verschwörerischem Ton und ich hörte den Bücherwurm leise lachen. „Er läuft zu langsam…“, murrte nun eine mir vetraute Stimme, die ich dem Teufelchen zuordnete. Es waren ancheinend alle hier! Endlich, nach mindestens einer Stunde Fußmarsch hatten wir unser Ziel erreicht. „So, nun kannst du die Augen wieder öffnen!“, erlöste mich die Redet-ohne-Punkt-und-Komma-Tasche und zog mir das Tuch wieder von den Augen.  „Wo sind wir?“, fragte ich meine Freunde, während sich meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen versuchten. „Wir sind“, erklärte der Bücherwurm, „auf dem Ahrensfelder Berg“ „Ja!“, stimmte die Tasche ihm sofort zu und ergänzte „Wir dachten, das hier der beste Ort wäre, um deine Abschiedsfeier zu veranstalten.“ Hätte ich Augenbrauen gehabt, hätte ich, so wie die Menschen es in solchen Situationen zu tun pflegen, eine hochgezogen. „Naja“, tat ich meine Zweifel kund, „sicher ist die Aussicht schön….aber es ist dunkel und viel habe ich von ihr nicht.“ „Sag ich doch, dass er kein Silvester kennt.“, meinte der Gärtner zum Eichhörnchen. „Ist ja gut!“, gab Tanja ihm Recht und begann zu erzählen: „Luigi, es ist so dass…“

Tanja das dichtende Eichhörnchen erzählte sowohl mit Freude, als auch mit einem Hauch Trauer, dass es vor kurzem eine Wohnung mit besserer Lage gefunden hatte, welche sich auf diesem Berg befand. „Du musst wissen, dass es auf dem Schulhof häufig laut ist… außerdem ist das Laub der Bäume nicht so dicht – mir fehlt manchmal schon die Privatsphäre!“, erklärte sie und beschrieb ihre neue Heimat, in die sie in den Ferien umsiedeln wollte: „Die Bäume hier sind viel älter und ich wollte schon immer eine Altbauwohnung! Außerdem sind die Nachbarn sehr nett, Lärm gibt es hier nur selten.“

Nachdem ich dem Eichhörnchen gratuliert hatte und ihm viel Glück für die Zukunft gewünscht hatte, redeten wir noch über das letzte vergangene Halbjahr. Heute war der Tag, an dem mein Austausch endete und es schien so, als wäre ich nicht der Einzige, dem das nicht gefiel. Die Redet-ohne-Punkt-und-Komma-Tasche wollte sich nicht mehr von meinem Arm lösen und auch der Bücherwurm hatte seine Position auf meiner Schulter nicht aufgeben wollen. Tanja und das Teufelchen flankierten mich und waren ungewöhnlich nah herangerückt. „Ich werde euch vermissen“, gab ich schließlich zu und freute mich über die „Ich  dich auch’s“, die als Antwort kamen. Dann folgte eine kurze Stille, in der ich das Beisammensein mit meinen neugewonnenen Freunden genoss. „10“, unterbrach das Teufelchen plötzlich die Stille. „9“, sagte das Eichhörnchen nun und „8“ ergänzte der Bücherwurm. „7“, flüsterte die Redet-Ohne-Punkt-und-Komma-Tasche und fuhr sogleich mit der „6“ fort. Das wurde ein Countdown! Aber so ein Countdown erklang doch nur, wenn eine größere Rakete von der Erde aus startete?!  Erschrocken sah ich auf die Uhr des Gärtners, die er immer bei sich trug und stellte fest, dass es fast Mitternacht war! Ich musste los! „3“, schluchzte die Tasche nun. Mit flinken Handbewegungen zog ich meinen Multifunktionsschlüssel hervor und gab den Befehl „Autopilot“ ein und drückte die Taste für „zu Standort fliegen“. In wenigen Minuten würde die Astrofly3000 hier landen, sodass ich meinen Heimweg antreten konnte. „0!“, riefen plötzlich meine Freunde zusammen. Von einem Moment zum anderen füllte sich der dunkelgraue Winterhimmel mit bunten Farben. Funkelnde Lichter in leuchtendem Rot, Grün oder Blau malten Muster wie Blumen und Sterne in die Luft. War das schön! „Ist das für mich?“, fragte ich ehrfürchtig und musste die Frage lauter Stellen, da das Knallen der gezündeten  Wunderdinger meine Stimme dämpfte. „Das ist Silvester“, erklärte der Bücherwurm, „Wir dachten, dass das eine schöne Abschiedserfahrung sei und du von deinem Raumschiff sicher eine schöne Aussicht hättest.“ „Ihr seid die Besten!“, rief ich lauter als nötig und umarmte alle, ja sogar den Gärtner. Ein mechanisches Surren kündigte die Landung der  Astrofly an, die nur einen kurzen Augenblick später in der Nähe landete.  „Mach’s gut!“, verabschiedete sich das Eichhörnchen und mit einem „Lebe wohl!“ kletterte der Bücherwurm von meiner Schulter herunter und gesellte sich zum Gärtner. Dieser nahm mit einem kurzen Nicken Abschied von mir. Die Redet-ohne-Punkt-und-Komma-Tasche, die noch immer an meinem Arm hing sagte jedoch, ganz entgegen ihrer Gewohnheit nichts. Daher ergriff ich das Wort und meinte an sie gewandt: „Die Zeit mit euch war wirklich schön und ich werde sie bestimmt nicht vergessen! Und obwohl ein Teil von mir gar nicht mehr von hier fort will, sagt der andere Teil in mir, dass meine Familie in Tagoria auf mich wartet.“  „Nun komm schon!“, forderte das Teufelchen sie auf und streckte seine Hand nach ihr aus. Doch die sonst so feine Tasche schnappte nach dessen Hand! „Was soll denn das?!“, fluchte der Angegriffene. „Du kannst doch nicht einfach den Gärtner…“, begann ich und starrte nur in große mit Tränen gefüllte Augen.  „Luigi?“, fragte die Redet-ohne-Punkt-und-Komma-Tasche mit zarter Stimme, „ich will nicht, dass du gehst! Du bist einer der wenigen, die meinen Gerüchten und – ich geb’s ja zu- nicht immer sehr kurzen Monologen zuhört. Kannst du nicht noch ein wenig hierbleiben?“ Als ich den Kopf schüttelte, strich sie sich schnell die Tränen aus den Augen und meinte mit ernster Miene: „Dann muss ich es eben tun. Luigi, ich komme mit!“ „Was?“, sagten vier Leute gleichzeitig. „Ein Plappermaul weniger auf der Erde…“, kommentierte das Teufelchen leise und erntete damit böse Blicke. „Also…“, begann ich, „wenn du willst, kannst du gerne mitkommen! Ich würde mich sogar sehr freuen! Allerdings muss ich jetzt los. Wenn du also mitwillst, dann hast du keine Zeit mehr zu packen.“ Lautes Gelächter drang nun aus der Redet-ohne-Punkt-und-Komma-Tasche:„Was wäre ich für eine Tasche, wenn ich nicht alle meine Sachen mit mir herumtragen würde? Wenn das alles war, können wir meinetwegen los.“ Gemeinsam verabschiedeten wir uns von unseren Freunden und flogen dann mit der Astrofly in den mit bunten Mustern besprenkelten Himmel nach Hause. Nach Tagoria.

Später, in der Nähe des Ahrensfelder Berges, fand das dichtende Eichhörnchen Tanja einen Seelenverwandten, der zwar nicht dichtete, dafür aber hervorragend  Lesen konnte. Die beiden wurden schnell Freunde und sollten nach dem Winter noch mehr werden. In der Tagore-Schule sah der Bücherwurm, der bis heute Klausuren, Tests und Leistungskontrollen kontrolliert, wie das Teufelchen die Zeit genoss. Es ging seinen gewöhnlichen Pflichten nach und lauschte des Öfteren der Stille. Zu der Zeit, als die Redet-ohne-Punkt-und-Komma-Tasche noch ihr zu Hause in der Schule hatte, war nur selten solch eine Ruhe zu vernehmen. An den Tagorianer dachte er inzwischen kaum noch. Doch kurz bevor der ungewöhnliche Austauschschüler ganz in Vergessenheit geraten konnte, ließ der Gärtner ihm eine große Ehre zuteil werden – er nannte die Palme, die trotz schlechter Prognosen den harten Winter überleben sollte – Luigi. Die Pflanze schien sich über den Namen zu freuen, denn immer wenn etwas Wind über den Schulhof strich, kam es dem Gärtner so vor, als würde sie ihm freundlich zunicken.

 

~ von CUC ~

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