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4. Episode der Tagorianischen Sagenwelt

Donnerstag, 29. November 2012 um 19:07 Uhr von Carmen

 

4. Episode der Tagorianischen Sagenwelt
Halloween

Seit ich vor einigen Monaten auf der Erde gelandet war, hatte ich viele Erfahrungen gesammelt, die ich auf Tagoria, meinem Heimatplaneten, niemals hätte sammeln können. Allein schon so etwas wie ein Sportfest hätte kein Tagorianer gutgeheißen. Und heute würde ich zum ersten Mal in meinem Leben an Halloween teilnehmen. Zusammen mit meinen neuen Freunden der RedetOhnePunktundKomma-Tasche, dem dichtenden Eichhörnchen Tanja und Wurmi, dem fleißigen Bücherwurm, hatte ich mir ein Kostüm beschaffen können. Ein großes weißes Laken verhüllte meinen gesamten Körper und lediglich die Antennen, wegen denen ich zwei Löcher mehr ins Tuch hatte schneiden müssen, verrieten mich. Die Kostüme meiner Freunde waren weitaus aufwendiger, doch das schrieb ich ihrer langjährigen Erfahrung zu. Wurmi, zum Beispiel, hatte sich irgendwie schwarze Lederschwingen am Rücken befestigt, die bei jeder seiner Bewegungen wippten. Die verdächtig spitz aussehenden Eckzähne in seinem Mund waren auch neu – er ging als Vampir! Die RedetOhnePunktundKomma-Tasche bot einen schockierenden Anblick. Statt ihrer sonst so edlen Erscheinung, wirkte sie heute eher abschreckend und unheimlich. Das T-Shirt, welches sie trug, zeigte einen großen Totenschädel und an ihren Reißverschlüssen glaubte ich Blut erkennen zu können. Ihrem Blick aus den tiefschwarz umrandeten Augen konnte ich nicht sehr lange standhalten. Auch wenn Wurmi und die Tasche anders als sonst aussahen, konnte man sie doch wiedererkennen. Die größte Veränderung hatte jedoch Tanja vollzogen. Ihr rostrotes Fell hatte sie mitternachtsschwarz gefärbt und fledermausähnliche ebenso schwarze Membranen zogen sich von ihren Vorderpfoten bis zu ihrem Rückens. „Ich bin ein Flederhörnchen!“, verkündete sie stolz und antwortete auf meinen besorgten Blick: „Keine Sorge, Luigi, die Farbe geht schnell wieder raus.“ Fröhlich suchten wir unsere Sammelkörbe, die wir mit zur Süßigkeiten-Safari nehmen wollten, und machten uns auf den Weg zum blauen Schultor. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie aufgeregt ich war! Heute, am 31. Oktober würde man mir, nur, weil ich eine Verkleidung trug, Süßigkeiten schenken! Und da die Schulleitung mir aus gesundheitlichen Gründen nur begrenzt Naschereien zur Verfügung stellte, hatte ich nicht vor, mir diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Eine kleine rote Gestalt erwartete uns mit verschränkten Armen am Ausgang und stellte sich uns in den Weg. Das war doch der Gärtner?

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Ich sah die vier schon von weitem in ihren albernen Verkleidungen am Eingangstor der Schule stehen. Dieser Brauch des Verkleidens und des Süßigkeitenschnorrens war mir völlig fremd. Nur weil mich die Schulleitung darauf hingewiesen hatte, dass ich keine neuen Pflanzenkübel bekam, wenn ich nicht eine Gruppe von Schülern an diesem Abend beaufsichtigen würde, hatte ich mich hier eingefunden und schlurfte missmutigen Schrittes auf die Gruppe zu.

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Erschrocken stellte ich fest, dass die rote Gestalt des Gärtners keine Verkleidung trug. „Lasst es uns schnell hinter uns bringen“, murmelte er grimmig und folgte uns daraufhin in geringem Abstand, wobei er ab und zu einen Laut der Verstimmung ausstieß. Auf dem Weg zum ersten Haus sah ich viele andere Kinder und auch Jugendliche, die in Kostüme gehüllt durch die Straßen schlenderten. „Luigi?“, begann die RedetOhnePunktundKomma-Tasche, „wusstest du eigentlich, dass es immer besser ist, sich ein möglichst hohes Haus auszusuchen? Da wohnen nämlich viele Menschen! Und wo viele Menschen sind….“ „…sind viele Süßigkeiten“, schlussfolgerte ich. Sie nickte und erklärte mir noch viele andere Regeln, die wichtig für den Erfolg unserer Tour sein würden. Tanja probte derweil die Sprüche, die wir aufsagen sollten, sobald jemand uns eine Tür öffnen würde. Als wir schließlich vor dem ersten Ziel, einem Sechsgeschosser, standen, hätte ich vor Aufregung platzen können. „Könnte jemand bitte klingeln?“, fragte Wurmi, der aufgrund der Anatomie seines Körpers keine Arme besaß. Sofort ergriff ich die Chance und erzeugte einen schrillen Ton, als ich den Knopf an der Tür drückte. Ein hübsches Frauengesicht erschien in der Tür uns sogleich begann Tanja einen Spruch aufzusagen: „Wer klingelt so spät bei Nacht und Wind? Wer hofft, dass er bei Euch etwas find‘? Dass sind wir fünf Nachtgestalten, gebt uns Süßes und wir lassen Gnade walten!“ Gespannt hielt ich den Atem an. War das nicht ein wenig zu fordernd gewesen? Hilfesuchend blickte ich zur Tasche, die mir ein Daumen-hoch-Zeichen gab. Tanja blickte hingegen unbeirrt und mit großen Augen das Frauengesicht an. „Natürlich. Sehr gerne!“, erwiderte unser Opfer und brachte eine riesige Schüssel mit Bonbons, Gummibärchentüten und anderen Naschkram zu uns. „Nehmt euch jeder eine Handvoll“, meinte sie und bot zuerst Tanja, die den Spruch aufgesagt hatte, etwas an. Nach Tanja kam die Tasche und anschließend ich an die Reihe. Wurmi hatte mir freundlicherweise den Vortritt gelassen und stand nun unschlüssig vor der dargebotenen Schale. „Wären Sie wohl so freundlich…“, begann er und deutete mit seinem Kopf auf die Stelle, an der seine Arme hätten sein müssen. Lächelnd kam die Frau seinem Wunsch nach und füllte ihm eine ganz besonders große Hand in seinen Süßigkeitenkorb. „Können wir dann endlich weiter?“, murrte der Gärtner im Hintergrund und war schon fast in der nächsten Etage, als ihn die Frau wieder zurückrief. „Na, du hast aber ein hübsches Kostüm!“, lobte sie ihn und winkte ihn zu sich.
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Was dachte sich diese Frau eigentlich? Ich sah bei weitem nicht so albern aus wie diese närrischen Kinder, die weltfremde Leute in Form von lustigen Sprüchen bedrohten. Doch bevor ich meine Meinung kundtun konnte, hatte sie mir bereits eine Handvoll Süßkram in meinen Kürbiskorb, den die Kinder für mich geschnitzt hatten, gefüllt. Mir blieben die Worte im Hals stecken.

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Während die Frau dem Gärtner, den sie fälschlicherweise für ein verkleidetes Kind hielt, Süßigkeiten gab, kicherten wir Anderen still vor uns hin. Das Teufelchen war doch gar nicht verkleidet! „Ein wenig unfair ist es doch“, flüsterte die RedetOhnePunktundKomma-Tasche, die für ihre Verkleidung viel Zeit hatte aufbringen müssen. Mit dem verblüfften Gärtner hinter uns nahmen wir uns die nächsten Etagen des Hauses vor. Zwar machten nicht immer alle Menschen auf, doch die, die uns öffneten gaben uns zumeist auch etwas. Wie schon zuvor, glaubten auch die anderen Menschen, die rote Gestalt des Teufelchens sei ein Kostüm und gaben ihm folglich auch etwas von dem zuckersüßen Schatz ab. Zuerst empfing der Gärtner die süßen Gaben stillschweigend, doch nach dem achten Haus, wovon eines ein Hochhaus gewesen war, stahl sich nach jeder Süßigkeit, die er erhielt, ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht.
Dass wir unsere Tour beenden mussten, lag nicht etwa daran, dass Tanja, unserem dichtenden Eichhörnchen die Sprüche ausgegangen waren, nein. Wir konnten einfach nicht mehr tragen! Alle Kürbiskörbe waren randvoll gefüllt und drohten bei noch mehr Last zu bersten. „Na, es wird auch so langsam Zeit“, meinte Wurmi, der am nächsten Tag wieder zur Arbeit müsste. Da ich auch etwas müde geworden war, stimmte ich, ebenso wie die Tasche und Tanja, dem gelehrten Bücherwurm zu. Lediglich das Teufelchen wollte sich einfach nicht damit abfinden, dass wir schon zurück zur Schule gehen wollten. Nach einer heftigen Diskussion folgte es uns murrend zurück zum blauen Tor, wo wir uns alle trennten. Der Wurm verschwand nach einem Abschiedsgruß im Haus zwei, dicht gefolgt von der RedetOhnePunktundKomma-Tasche. Tanja winkte uns allen noch einmal, ehe sie sich zu ihrem Versteck auf dem Schulhof aufmachte. Das Teufelchen und ich gingen ins Haus eins und trennten uns dort recht schnell wieder. Während der Gärtner unsere Ankunft der Schulleitung melden würde, machte ich mich auf den Weg in den Raum 1015, welcher für die Zeit auf der Erde mein Zimmer sein würde. Dort entleerte ich den Inhalt des Kürbiskorbes auf mein Bett und bestaunte all die Süßigkeiten. Ach! War das ein herrlicher Abend gewesen!

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Beschwingten Schrittes ging ich zurückzu meiner kleinen Wohnung. Ich hatte ein kleines, süßes Bonbon im Mund und lutschte darauf herum.
Ich war nach diesem Beutezug so euphorisiert, dass ich glatt vergaß meine mürrische Miene aufzusetzen und rannte lächelnd durch das dunkle Schulhaus.
Im Nachhinein ist das mir jetzt wirklich peinlich. Ich hoffe mich hat niemand gesehen.
Trotzdem werde ich nächstes Jahr wieder um die Häuser ziehen.

 

CUC & Yukima

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